
Kyjiw statt Kiew: Schreibweise, Geschichte und Fakten
Seit Februar 2024 schreiben das Auswärtige Amt und große deutsche Medien nicht mehr „Kiew”, sondern „Kyjiw” – und lösen damit eine Debatte aus, die weit über die Orthografie hinausreicht. Hinter der Schreibweise steckt eine jahrzehntealte Sprachpolitik, die das Russische bevorzugte und das Ukrainische als eigenständige Sprache lange verneinte. Was es mit dieser Kampagne auf sich hat und warum sie gerade jetzt so viel Aufmerksamkeit bekommt, erklärt dieser Überblick.
Einwohnerzahl: ca. 3 Millionen · Fläche: 847 km² · Lage: Nördliches Zentrum der Ukraine · Offizieller Name: Kyjiw · Namenskampagne: #CorrectUA
Kurzüberblick
- Kyjiw gibt das ukrainische „Київ” korrekt nach internationalen Transliterationsregeln wieder (TU News)
- Das Auswärtige Amt änderte die Schreibweise am 24. Februar 2024 auf Kyjiw (UEPO.de)
- Der SPIEGEL und die taz stellten bereits 2014 auf ukrainische Schreibweisen um (Der SPIEGEL)
- Exakte Russen-Anzahl in Kyjiw aktuell nicht abschließend belegbar
- Historische deutsche Präsenz in der Stadt bedarf weiterer Quellenarbeit
- 862: Ersterwähnung in der Nestorchronik
- 1569: Lubliner Union – Kiew wird polnisch-litauisch
- 2018: Kampagne #KyivnotKiev durch ukrainisches Außenministerium
- 2024: Deutsches Auswärtiges Amt übernimmt Kyjiw
- Weitere Medien und Institutionen könnten folgen (pragmatika.media)
- Kiewer Stadtrat hat fast 500 Straßen zur Umbenennung vorgesehen (pragmatika.media)
Westliche Leser kennen Kyjiw unter verschiedenen Namen, die sprachpolitische Entscheidungen widerspiegeln, die Jahrhunderte zurückreichen.
| Schreibweise | Quelle | Status |
|---|---|---|
| Kyjiw | Ukrainische Transliteration | Offiziell seit 2024 |
| Kiew | Russische Transliteration | Historisch verbreitet |
| Kyiv | Englische Transliteration | Standard seit 2018 |
| ca. 3 Millionen | Einwohnerzahl | Schätzung |
| 847 km² | Stadtfläche | Offiziell |
Warum heißt Kiew jetzt Kyjiw?
Die Form „Kiew” stammt aus der Transliteration des russischen Namens „Киев”. Die russische Schreibweise wurde über viele Jahrzehnte in Europa übernommen, da die russische Sprache im Zarenreich und später in der Sowjetunion politisch dominierte. Das ukrainische „Київ” wird hingegen mit „yj” transliteriert – was dem natürlichen Lautstand näher kommt.
Namenskampagne #CorrectUA
Unter dem Hashtag #KyivnotKiev gab es 2018 eine Kampagne des ukrainischen Außenministeriums für die ukrainische Schreibweise. Im englischsprachigen Raum begannen bereits nach 2014 so gut wie alle Medien, Kyiv statt Kiev zu schreiben. In Deutschland galt „Kiew” lange als der „eingeführte” Städtename, während englischsprachige Länder bereits auf Kyiv umgestellt hatten.
Das Auswärtige Amt änderte in seinem amtlichen Sprachgebrauch die Schreibweise am 24. Februar 2024 – dem zweiten Jahrestag des russischen Einmarschs. Außenministerin Annalena Baerbock erklärte die Änderung bei einem Treffen mit ihrem ukrainischen Amtskollegen Dmytro Kuleba in Odessa.
Historische Schreibweisen
Die ukrainische Version des Namens Kyiw erscheint in Band 4 des Geographical Dictionary of the Kingdom of Poland, veröffentlicht 1883 – also lange vor sowjetischen Einflüssen. Nach der Unabhängigkeit der Ukraine 1991 führte die ukrainische Regierung im Oktober 1995 nationale Regeln für die Transliteration geografischer Namen ins lateinische Alphabet ein. Viele andere ukrainische Städte werden seit 2014 richtig transliteriert: etwa Charkiw, Mykolajiw, Saporischschja.
Jan Claas Behrends, Professor für osteuropäische Geschichte an der Europa-Universität Viadrina, vermutet als Grund für die späte Anpassung vor allem Trägheit und mangelnde Kenntnis des Kontexts.
— Tagesspiegel (Nachrichtenportal)
War Kiew mal deutsch?
Eine direkte deutsche Herrschaft über Kiew hat es in der Geschichte nicht gegeben. Die Verwaltung der Stadt wechselte mehrfach: polnisch-litauisch, russisch, sowjetisch. Deutsche Einflüsse beschränkten sich auf Handelsbeziehungen und kulturellen Austausch, nicht auf politische Kontrolle.
Deutsche Einflüsse in der Geschichte
Im 19. Jahrhundert bestanden Handelsverbindungen zwischen deutschen Städten und dem ukrainischen Markt. Architektonisch finden sich Einflüsse aus der Habsburgermonarchie eher im Westen der Ukraine. In Kyjiw selbst hinterließen deutsche Händler und Diplomaten Spuren, aber keine formelle Verwaltung.
Die Gründungslegende in der altrussischen Nestorchronik (1116) berichtet, dass die Siedlung von den Brüdern Kyj, Šček und Choryv und ihrer Schwester Lybed im 5./6. Jahrhundert gegründet wurde – also lange bevor deutsche oder russische Einflüsse eine Rolle spielten.
Der Walujew-Erlass (1863) schränkte das Drucken ukrainischer Bücher ein. Der Ems-Erlass (1876) verbot Theateraufführungen in ukrainischer Sprache, Bücher, deren Import sowie ukrainischen Unterricht.
Wie viele Russen leben in Kiew?
Präzise aktuelle Zahlen zur ethnischen Zusammensetzung Kyjiws sind nach 2022 schwer zu erheben. Historische Erhebungen aus der Sowjetzeit sind aufgrund der Russifizierungspolitik nur eingeschränkt aussagekräftig.
Russen in der Ukraine
Die Sowjetunion förderte die Russifizierung, besonders nach dem Holodomor der 1930er Jahre. Viele Russen zogen in städtische Zentren wie Kyjiw. Kiev verlor nach dem Ausbruch des Russo-Ukrainischen Krieges 2014 bei vielen westlichen Medienunternehmen an Gunst. Die Schreibweise „Kyiv” setzte sich durch, weil sie den ukrainischen Ursprung des Namens anerkennt.
Bevölkerungsanteil in Kyjiw
Die Stadt Kyjiw hat heute etwa 3 Millionen Einwohner. Die ethnische Zusammensetzung ist durch Krieg und Fluchtbewegungen einem starken Wandel unterworfen.
Sprachlich russisch geprägte Menschen in der Ukraine sind nicht automatisch prorussisch. Die Umstellung auf Kyjiw ist keine Aussage über die Bevölkerung, sondern über die staatliche Zugehörigkeit.
Wie lange war Kiew polnisch?
Kiew war von 1569 bis 1667 Teil der Polnisch-Litauischen Adelsrepublik. Diese Phase dauerte rund 100 Jahre und hinterließ administrative und kulturelle Spuren.
Woiwodschaft Kiew
Mit der Lubliner Union 1569 wurde Kiew Teil der polnisch-litauischen Adelsrepublik. Der Aufstand unter Bogdan Chmel’nyc’kyj (1648–1657) führte zum Vertrag von 1667, durch den die Stadt unter russische Herrschaft kam.
1917 wurde Kiew Hauptstadt der Ukrainischen Volksrepublik, 1918 der Ukrainischen Nationalrepublik und 1934 der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik. Die polnische Phase war also eine von vielen Herrschaftsperioden.
Die Schlacht um Kiew im Zweiten Weltkrieg endete mit dem Massaker in Babij Jar: am 29./30. September 1941 wurden etwa 33.000 Juden ermordet.
Ist die Krim historisch russisch oder ukrainisch?
Die Krim war nie dauerhaft russisches Kernland im Sinne einer ethnischen Zugehörigkeit. Historisch gehörte die Halbinsel verschiedenen Reichen an: byzantinisch, mongolisch, tatarisch, russisch, sowjetisch.
Historische Zugehörigkeit der Krim
Die Krim war ab 1783 Teil des Russischen Reiches, nach dem Zerfall der Sowjetunion 1954 an die Ukraine übergeben und 2014 von Russland annektiert.
Die Annexion 2014 ist völkerrechtlich nicht anerkannt – unabhängig von historischen Argumenten auf beiden Seiten.
Wer die Schreibweise Kyjiw verwendet, erkennt an, dass die Ukraine eine eigenständige Sprache und Geschichte hat – nicht nur eine russische Variante.
Zeitleiste: Kyjiw durch die Jahrhunderte
- 862: Ersterwähnung der Stadt in der Nestorchronik
- 1569: Lubliner Union – Kiew wird polnisch-litauisch
- 1667: Vertrag von Perejaslaw – Kiew unter russische Herrschaft
- 1863: Walujew-Erlass schränkt ukrainische Bücher ein
- 1876: Ems-Erlass verbietet ukrainischen Unterricht
- 1991: Unabhängigkeit der Ukraine
- 1995: Transliterationsregeln eingeführt
- 2014: Medien stellen auf ukrainische Schreibweisen um
- 2018: Kampagne #KyivnotKiev durch Außenministerium
- 2024: Auswärtiges Amt übernimmt Kyjiw
Bestätigt und unklar
Bestätigte Fakten
- Kyjiw ist die korrekte Transliteration aus dem Ukrainischen
- Der Walujew-Erlass (1863) und Ems-Erlass (1876) unterdrückten die ukrainische Sprache
- Der SPIEGEL schreibt seit 2014 Charkiw statt Charkow
- Fast 500 Straßen in Kyjiw sollen umbenannt werden
- Bei Babij Jar wurden am 29./30. September 1941 etwa 33.000 Juden ermordet
Unklare Punkte
- Exakte aktuelle Einwohnerzahl durch Krieg verändert
- Historische deutsche Präsenz bedarf differenzierter Betrachtung
Was Expertinnen und Experten sagen
„Kyjiw” gibt das ukrainische „Київ” korrekt nach internationalen Transliterationsregeln wieder – im Gegensatz zur russischen Form „Kiew”, die das kyrillische „е” als „je” und nicht als „i” wiedergibt.
— TU News (Fachmagazin für Translation und Interpreting)
Der SPIEGEL schreibt seit 2014 Ortsnamen auf Ukrainisch statt Russisch: Charkiw statt Charkow, Tschernihiw statt Tschernigow. Die Umstellung auf Kyjiw ist Teil dieser konsequenten Linie.
— Der SPIEGEL (Deutsches Nachrichtenmagazin)
Eine Schreibweise ist nie nur Orthografie. Sie ist eine Entscheidung darüber, wessen Sprache und Geschichte man anerkennt. Wer „Kyjiw” schreibt, sagt: Die Ukraine ist eigenständig – sprachlich, historisch, politisch.
Verwandte Beiträge: Nächste: Bedeutung, Schreibweise & Grammatik | Duden
tagesspiegel.de, ome-lexikon.uni-oldenburg.de, en.wikipedia.org, integreat.app, taz.de
Die aktuelle Debatte um Kyjiw statt Kiew gewinnt an Relevanz, wenn man an Eva Lys aus Kiew denkt, deren ukrainische Wurzeln kürzlich Beachtung fanden.
Häufig gestellte Fragen
Kyjiw oder Kiew?
„Kyjiw” ist die korrekte Transliteration aus dem Ukrainischen, während „Kiew” aus dem Russischen stammt. Seit Februar 2024 verwenden das Auswärtige Amt und große deutsche Medien „Kyjiw”.
Wie spricht man Kyjiw aus?
Der Name wird [ˈkɪjiu̯] ausgesprochen – mit Betonung auf der ersten Silbe und einem deutlichen „j”-Laut im Mittelteil.
Wie viele Einwohner hat Kyjiw?
Die Stadt hat etwa 3 Millionen Einwohner. Die genaue Zahl schwankt durch Zuwanderung und Fluchtbewegungen seit 2022.
War die Ukraine früher einmal Russisch?
Die Ukraine war Teil des Russischen Reiches und später der Sowjetunion. Seit 1991 ist sie unabhängig. Die russische Herrschaft dauerte rund 200 Jahre – aber die ukrainische Identität existierte parallel dazu.
Warum leben so viele Russen in der Ukraine?
Die Sowjetunion förderte die Russifizierung, besonders nach dem Holodomor der 1930er Jahre. Viele Russen zogen in städtische Zentren wie Kyjiw. Aber: Sprachlich russisch geprägte Menschen sind nicht automatisch prorussisch.
Wem gehört das meiste Land in der Ukraine?
Die Ukraine ist ein souveräner Staat. Die Krim wurde 2014 von Russland annektiert – völkerrechtlich nicht anerkannt. Der größte Teil des Landes gehört der ukrainischen Republik.
Wer über die Schreibweise „Kyjiw” nachdenkt, trifft eine sprachpolitische Entscheidung: Das Auswärtige Amt hat diese Entscheidung am 24. Februar 2024 getroffen, der SPIEGEL bereits 2014. Mehr Medien und Institutionen dürften folgen.